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  • Im Blick

    Als ich aufbrechen will, spricht mich der Kellner des kleinen Cafés, in dem ich gesessen habe, an: „Was haben Sie da gelesen?“
    „Das Buch heißt ‚The Bee Sting‘ also ‚Der Bienenstich‘, es ist von einem irischen Autoren.“

    „Ich habe Sie nämlich beobachtet“, fährt der Kellner fort, „Sie kommen häufiger hierher, bleiben eine halbe Stunde und lesen in einem Buch und da habe ich mich gefragt, was es ist, das Sie da lesen. Ist es ein philosophisches Buch?“

    Ich fühle mich ertappt. Nicht nur, weil ich hier regelmäßig sitze und lese, auch, weil es jetzt, wo der Kellner mich anspricht, nur ein schlichter Schmöker ist, keine anspruchsvollere Kost.
    „Nein … Es ist einfach ein Roman. Ich lese aber auch andere Bücher“, verteidige ich mich.

    Den Kellner scheint das nicht zu erstaunen: „Ich beobachte die Leute hier genau, wissen Sie?“
    „Eine scharfe Beobachtungsgabe. Vielleicht sollten Sie Detektiv werden“, schlage ich ihm mit einem Augenzwinkern vor.
    „Vielleicht sollte ich das“, sagt er, „ich beobachte und ich merke mir, was geschieht.“

    Und so gehe ich im Wissen, beobachtet worden zu sein, in die Stadt.

  • Five hundred years from now

    Wir investieren erstaunlich viel Lebenszeit in die Erfüllung andererleute Erwartungen. Oft bewusst, öfter unbewusst. Wir haben eine intersubjektive Vorstellung von einem ehrbaren Dasein verinnerlicht, der wir unsere tatsächliche Entfaltung unterordnen.

    Ganz ausbrechen können wohl nur die wenigsten von uns aus dieser chimärenhaft gewachsenen Kollektivpsychose. Aber hinterfragen können wir sie. Denn was wir auch tun, „in fünfhundert Jahren kräht da kein Hahn mehr nach“.

    Panel aus einem Peanuts-Comic-Strip. Snoopy und Linus tanzen, Lucy steht skeptisch blickend im Hintergrund. Linus sagt: „Five hundred years from now, who'll know the difference?!”

  • Aller Anfang

    Handschriftlicher Text. Zuerst etwas wild durchgestrichenes, dann das Wort Irgendwo.

    Wenn ich ein neues Notizheft aufschlage, habe ich zunächst immer ein bisschen zu viel Respekt vor dem Papier.

    Die sauberen Seiten sollen nur mit klugen Gedanken in gut lesbarer Schrift gefüllt werden. Das klappt natürlich nie. Früher oder später schreibe ich doch wieder dullen Käse auf, der besser nie festgehalten worden wäre; früher oder später streiche ich wild im Text herum; früher oder später wird meine Schrift unleserlich, weil ich in unbequemer oder zu bequemer Haltung geschrieben habe.

    Doch dieser Moment der Kapitulation vor der Wirklichkeit befreit. Sobald der Wunsch nach Perfektion erlischt, kann die Arbeit am Text beginnen.

    Am besten ist es daher, direkt mutwillig das Tintenfass über die erste Seite zu gießen, das Papier zu knicken oder das ganze Heft achtlos in den Rucksack zu werfen und unter Supermarkteinkäufen zu begraben, bis es nicht mehr sauber ist, sondern ein nutzbares Werkzeug.